ENDE DER WELT


"ENDE DER WELT" ist eine szenografische Soundinstallation von Lukas Sander (Konzeption und Szenografie) und Christian Berkes (Sound) auf einem entlegenen Gelände am Rande der Stadt Karlsruhe, September 2012.
Hier sind szenografische Eingriffe als direkte Veränderungen und Modellierungen der Umwelt entstanden, die sich in ortsspezifischer Weise in die Umgebung einbetten. Mittels inszenierter Spuren und vermeintlichen Zufallsfunden wird hier ein Zustand verstärkt, der in dieser Landschaft schon angelegt ist und mittels szenografischen Ergänzungen und Sound auf besondere Art und Weise betont wird. Die Motive bewegen sich im Bereich der verwilderten und überwucherten Zivilisation, im Bild des Zerfalls, des Verweises auf eine gewisse Archaik, der Unheimlichkeit, Leere, Verlorenheit und des Todes, genauso wie der Sound einen Gehalt von Verstrahlung und Kontamination besitzt.
Ausgehend von vorgefundenen Klängen und Geräuschen schuf Christian Berkes für diesen Ort Atmosphären, die sich in die spezifische akustische Realität einfügen. Wenn man sie dort hört, findet eine Überschneidung der vielschichtigen Kompositionen und den Umweltgeräuschen statt, sodass die Ränder zwischen beiden unscharf werden. Ähnlich wie Atmosphären im Filmton, die sich an der Grenze des Merklichen unter die Bilder legen, gehen die Klänge eine Verbindung mit den Zonen ein, in denen sie hörbar werden. Dies provoziert einen besonderen Blick visueller Spurensuche in Relation zu der örtlichen Aufladung durch die Soundscapes, die den Raum überschreiben, untermalen und thematisch erweitern. Für den Betrachter und Hörer führt dies zu einem wahrnehmungspolitischen Spiel, den Raum und den Klang auf dessen Gehalt an Natürlichem und Künstlichkeit hin zu überprüfen und zu entscheiden, wo genau hier die Grenze zwischen Realität und Fiktion verläuft.
Technisch geschieht dies, indem die Sounds an den jeweiligen Orten aus einer vielzahl von im verwilderten Gelände versteckten Lautsprechern abgespielt werden. Diese auditive Hervorhebung legt einen Fokus auf bestimmte Bereiche im Gelände und markiert gleichzeitig die Zonen der visuellen Eingriffe.
Vorhandenes Material im dinglichen und akustischen Bereich wird hier benutzt, angereichert und verstärkt, so dass eine thematische Schärfung entsteht, eine Betonung und Fiktionalisierung von vorgefundenen Elementen im Visuellen, im Klang und der Atmosphäre dazwischen.
Die Filme dieser Dokumentation zeigen die mit Sound bespielten Orte, sowie Teile der Passagen dazwischen. Man hört eine Mischung aus realen Naturgeräuschen und der angrenzenden Autobahn vor Ort und den dazu komponierten Soundspuren, was dem originalen Erlebnis versucht, so nah wie möglich zu kommen.


1
Man steigt allein in ein schwarzes Taxi, das an einem vereinbarten Ort in der Stadt wartet. Der Fahrer schweigt sich hinter dunkler Sonnenbrille über das Ziel der Fahrt aus. Auf Ausfallstrassen verlässt man die Stadt. Nach der Hälfte der etwa 10minütigen Fahrt stellt der Fahrer das Radio an - es läuft "Wonderful World" von Nick Cave. Es geht in die Peripherie der Stadt vorbei an Industriekomplexen, Swimmingpool-Verkäufern und dem Strassenstrich. In die Musik aus dem Radio mischt sich sukzessive und zuerst unmerklich ein anderer Klang. Nach dem Abbiegen in eine kleinere Seitenstrasse neben Schrottplätzen und verfallenen Häusern wird das Störgeräusch lauter und überlagert die Musik schliesslich gänzlich. Das Taxi verlässt nun die Strasse und fährt auf einen Schotterplatz unter einer Autobahnbrücke. Der Fahrer hält, steigt aus, kommt um das Auto herum, öffnet die Tür und deutet auf ein rostiges Tor. Mit der knappen Anweisung, dass er auf der anderen Seite warten werde, steigt er wieder ein und fährt weg. Unter der Autobahnbrücke ist der Klang der hinüberrasenden Autos zu hören, der durch die Stahlkonstruktion der Brücke wie ein metallisches Heulen klingt. Es ist der gleich Klang, der im Auto mit zunehmender Entfernung von der Stadt und der Annäherung an diesen Ort die Radiomusik überlagerte. Der Weg führt durch das Tor auf einem Trampelpfad durch kniehohes Gras. Dahinter steht in Sichtweite ein kaputtes Auto, aus dessen Kofferraum Papier quillt. Beim Näherkommen hört man aus den völlig zerstörten Armaturen und vermeintlich kaputten Lautsprechern wie von Ferne einen Song im Radio spielen - es ist Nick Caves "Wonderful World".




2
Der Weg führt weiter in das verwilderte Gelände hinein. Zur linken führt eine Abzweigung des hier stärker ausgetretenen Pfades zu einer Klappe auf einer gemauerten Einfassung. Sie ist mit einem Vorhängeschloss gesichert und lässt sich nicht öffnen. Von unten dringen Geräusche, die aufgrund ihres Nachhalls auf eine beträchtliche Tiefe und Weite des jenseitig liegenden Raumes schliessen lassen. Manchmal meint man, neben metallischen Klängen und Wassertropfen auch entfernte Schritte hören zu können.




3
Wenige Meter weiter kommt man zu einem versteckt liegenden Platz unter einem Hochspannungsmast. Die Fläche unter diesem ist von dem hier sonst über kopfhohen wilden Bewuchs frei und erdig. Von einer Seite kann man den Platz betreten, zu den anderen drei Seiten liegen schwere Holzplanken. Von allen Richtungen dringt eine dichte Soundfläche an einen heran. Sie besteht aus Klängen, die an verfremdete naturgeräusche wie Grillenzirpen und metallische Vogelstimmen erinnern. Die Übergänge zu singenden Hochspannungsleitungen sind fließend. In einer Ecke der Fläche befindet sich eine mit losen Brettern abgedeckte Grube mit einem Seil. Beim Herantreten entdeckt man in ihr die Überreste von einem unnatürlich grossen Ei.




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Der Weg führt weiter und das Gelände öffnet sich. Beim Umherschauen fällt der Blick zurück auf die Autobahnbrücke und die Schatten der darüberfahrenden Autos, der sich auf den Baumwipfeln fängt. Man folgt einem der Wege entlang der Böschung, an der man weiter hinten ein weiteres Autowrack liegen sieht. Beim Näherkommen bemerkt man, dass aus dem Inneren eine leise Stimme wie von einem schon lange zerstörten Navigationsgerät dringt, die einem rät, sich links zu halten.




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Tiefer im Gelände wird der Bewuchs wieder dichter und höher. Darin erkennt man Reste von überwachsenen Betonflächen und Strassenlaternen. Ein Stapel Paletten umgeben von einer verdichteten Klangatmosphäre zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Hörbar ist eine bedrohliche und gespannte Atmosphäre, in der sich Schmeißfliegensummen, ein Bersten, tonale Klänge und Geräusche zu einer beunruhigenden Spannung vermischen. Näher an die Paletten herangetreten entdeckt man darauf und davor eine grosse Lache halb geronnenen Blutes, auf dem sich immernoch zahlreiche Insekten tummeln. Auch der Geruch von Blut hängt in der Luft. Eine Art Schleifspur führt auf einem kleinen Weg zwischen Gebüschen hindurch.




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Folgt man diesem Weg durch die Büsche, öffnet sich dahinter ein Platz wie eine Lichtung mit einer zentralen Feuerstelle. Von rundherum dringt wieder ein Soundscape an einen heran, das den ganzen Platz erfüllt. In dem an Verbrennung erinnernden Knistern und tonalen Dröhnen, findet man im Feuer und daneben grosse Knochen und diverse Abfälle. Desweiteren liegt hier eine Smokingjacke, deren starke Anziehungskraft auf Fliegen auf eine Durchtränkung mit Blut schliessen lässt.




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Dahinter führt einen ein möglicher Abzweig noch einmal ins Dickicht und in ein niedriges Gehölz. Hinter einer Biegung erahnt man grosse bunte textile Flächen, die sich beim Näherkommen als Matratzen herausstellen, die voller Schimmel und Lebewesen sind. Aus ihnen dringen Geräusche von beklemmender lebendiger Nähe, taktiles Streichen auf Stoff, menschliche oder tierische Atmungsgeräusche. Im Inneren dieses zu einer Art Bau gestapelten Haufens entdeckt man den Schädel eines hundeartigen Raubtieres, bevor man den Ort verlässt, aus dem Gebüsch ins freie Tritt, wieder Häuser und die in der Nähe gelegene Strasse sieht und das dort wartende schwarze Auto mit dem schweigsamen Fahrer erreicht, das einen dorthin zurückfährt, wo man eingestiegen war.